VfL setzt Ausrufezeichen!

Lübeck-Schwartau besiegt mit einer extrem konzentrierten Leistung den Favoriten Bietigheim mit 29:22

Der Druck, der auf den Schultern des VfL Lübeck-Schwartau lastete, war nicht zu leugnen. 1:5 Punkte aus den letzten drei Spielen entspricht sicherlich nicht dem Anspruch der Gastgeber. Entsprechend unsicher war der Beginn. Es dauerte sieben Minuten, bis die 1.971 Zuschauer in der Hansehalle das erste Mal jubeln durften. Dadi Runarsson erzielt das 1:2. Bis dahin hatten die Bietigheimer, bei denen Weltmeister Mimi Kraus überraschend dabei war, gezeigt, warum sie bislang beide Auswärtsspiele gewonnen hatten: konsequent in der Abwehr, eine gute Torhüterleistung, schnelle Angriffe und kompromisslose Abschlüsse. Das sollte ein dickes Brett werden, das die Schwartauer zu bohren hatten.

Den Start seiner Mannschaft sah Gästetrainer Hannes Jon Jonsson dementsprechend gut: „Wir sind perfekt in das Spiel gekommen, standen in der Deckung gut und haben vorne richtig Druck aufgebaut.“ VfL-Trainer Piotr Przybecki sah die Anfangsphase naturgemäß weniger euphorisch, relativiert aber sofort: „Wir haben erwartet, dass Bietigheim mit Power in das Spiel kommt. Sie waren auswärts immerhin noch ungeschlagen. Außerdem steckten die beiden Niederlagen in unseren Köpfen – am Ende stehen auch nur Menschen auf dem Feld. Dazu hatten wir echt miese Trainingsbedingungen. Wir konnten teilweise nur mit acht Feldspielern trainieren. Das reicht natürlich nicht.“ So stand es nach sieben Minuten 1:3 und Skeptikern hätte Böses schwanen können. Glücklicherweise waren an diesem Abend überwiegend Optimisten in der Hansehalle anwesend, und die spürten, dass die Mannschaft Unterstützung brauchte – die sie auch prompt erhielt. Angetrieben von den Rängen, kämpfte sich der VfL ins Spiel, glich beim 3:3 (9.) erstmals aus und ging in der 13. Minute sogar in Führung (5:4, Runarsson).

Piotr Przybecki auf die Frage, wie er die Atmosphäre in der Halle wahrgenommen hat: „Ich habe hier schon oft eine gute Stimmung erlebt, aber heute war es etwas Besonderes. Ich möchte unserem Publikum ein riesiges Lob aussprechen und mich bedanken. Die Zuschauer haben uns beflügelt, und wir sind immer besser ins Spiel gekommen. Das war ganz wichtig für uns.“ Der Funke sprang also über, und so verschafften sich die Lübecker mit viel Einsatz und Willen ein spielerisches Übergewicht – und die erste Zwei-Tore-Führung (7:5, 17.)

VfL setzt sich bis zur Halbzeit ab – muss sich aber danach noch einmal richtig strecken

Es war ein extrem temporeiches Spiel, das kein Weggucken erlaubte. Tor für Schwartau, schnelle Mitte von Bietigheim und der Ball war erneut im Netz – den Zuschauern wurde Sportunterhaltung auf höchstem Niveau geboten, Spannung inklusive. Erst zum Ende der ersten Halbzeit schien der Motor der SG BBM Bietigheim etwas ins Stottern zu geraten. So schwer sich Schwartau zu Beginn des Spiels mit dem Tore werfen getan hat, so mühsam war dies jetzt für Bietigheim. Grund dafür: Die VfL-Abwehr steigerte sich, war jetzt griffig in den Zweikämpfen und hatte mit Dennis Klockmann einen sicheren Rückhalt (insgesamt 12 Paraden, 35%). Schwartau erzielte vier Tore in Folge und brauchte dafür lediglich eineinhalb Minuten (13:9, 25.). Das war so etwas wie der erste mentale Nackenschlag für die Gäste. SG-Trainer Jonsson: „Ich bin ziemlich enttäuscht. Wir sind so gut ins Spiel gekommen. Aber ab der 20. Minuten haben wir uns das Leben selber schwer gemacht. Wir haben viel zu viele Fehler gemacht. Eine Wurfquote von am Ende knapp über 50% spricht da Bände. Und Schwartau hat das beinhart bestraft.“

Die Fehlerquote der Gastgeber hingegen war überschaubar klein. Der VfL agierte sicher und konsequent, nutze jede sich bietende Gelegenheit und erlaubte Bietigheim keine Luft zum Atmen. Die bot sich erst in der Pause, in die die Schwartauer mit einer 17:12-Führung gingen. Bonbon mit dem Halbzeitpfiff: Das letzte Tor der ersten 30 Minuten erzielte Steffen Köhler sehenswert, nach einem sensationellen Anspiel, vom Kreis. Erstklassige 2. Bundesliga!

Wer jetzt aber glaubte, eine Fünf-Tore-Führung war eine klare Angelegenheit, der sah sich getäuscht. Denn: Der zweite Durchgang begann wie der erste. Bietigheim war strukturierter und schaffte den Anschluss zum 18:17. Vorausgegangen waren einige ausgelassene Torchancen der Gastgeber und ein erfolgreicheres Kreisspiel der Bietigheimer. Daumendrücken war angesagt.

VfL scheint aus den beiden vergangenen Spielen gelernt zu haben

Schwartau wankte, fiel aber nicht. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Niederlagen konnte sich die Mannschaft von Piotr Przybecki aus dieser brenzligen Lage befreien: „Wir haben gerade nach der Halbzeit bewiesen, dass wir stabil sind. Unsere Abwehr stand sicher, und das nicht gegen irgendwen. Bietigheim hat großes Potenzial und einen Weltmeister in ihren Reihen. Aber wir haben dagegengehalten. Das war der große Unterschied zu den beiden anderen Spielen, wir haben die Partie nicht noch einmal kippen lassen. Waschul und Köhler haben den Kreis zugestellt und die Abwehr zusammengehalten. Mex Raguse hat acht Tore geworfen und war auch defensiv stark. Und so könnte ich jeden aufzählen. Selbst wenn wir uns in den 6:5-Situationen noch steigern müssen, bin ich sehr zufrieden mit meinen Jungs.“

Um es kurz zu machen: Mex Raguse trifft in der 55. Minute zum 25:20, Dennis Klockmann hält auf der Gegenseite den Wurf von Mimi Kraus. War das die Vorentscheidung? Der direkt folgende Angriff: Tim Claasen explodiert förmlich im Angriff, wird dabei gefoult, 26:20, 2-Minuten-Strafe gegen den Bietigheimer Rönningen. Die Antwort auf die eben gestellte Frage lautet: Ja!

Fazit: Bietigheim hat nie aufgegeben, aber der VfL Lübeck-Schwartau war an diesem Abend einfach die bessere Mannschaft und hat sich das Mini-Tief aus den Klamotten gebürstet. Endstand 29:22.

2019-09-28T08:43:13+00:00Freitag, 27. September 2019|